Kinderbetreuung – Home Schooling – Home Office. Was lernen wir aus der Krise?

Beim Online-Gespräch der Unterhachinger Grünen am 16. Juni diskutierten die Unterhachinger Landtagsabgeordnete Claudia Köhler mit dem Sprecher für frühkindliche Bildung der Landtagsfraktion Johannes Becher,  den Förderpädagoginnen Anette Zuleger und Sonny Oswald, der Leiterin einer Unterhachinger Kinderkrippe Lisa Lemke, der Gymnasiallehrerin und Gemeinderätin  Beate Gsänger sowie der 2. Bürgermeisterin Johanna Zapf über die Situation der Kinder und Familien in der Corona-Zeit.

Becher und Köhler nehmen die folgenden Erfahrungen und Forderungen mit in den Landtag:

Kinder haben eigene Bedürfnisse beim Aufwachsen und Lernen

Sie sind auf den Schutz von Erwachsenen angewiesen und darauf, dass diese ihre ihnen zustehenden Rechte und Bedürfnisse wahrnehmen und sich dafür einsetzen. Kinder sind angewiesen auf Beziehungen: peer-to-peer, um zu lernen, und auch in Ko-konstruktion und mit Feedback zu ihren Lernerfolgen mit Erwachsenen.

Kinder haben ein Recht auf Partizipation und Chancengerechtigkeit

Kinder wollen sich beteiligen und sind zu Kooperation fähig. Erwachsene müssen Bedingungen schaffen für die Förderung sozialer, kognitiver und emotionaler Kompetenzen, für Gemeinschaft in Vielfalt (Inklusion) und zur Wahrung des Kindeswohls. Kinder sind einzubeziehen in die Problemlösung gesellschaftlicher Herausforderungen wie Corona.

Die Corona-Krise hat alles deutlich gemacht, was auch davor schon problematisch war:

Es wurden Kitas und Schulen für viele Wochen geschlossen und es entstand lange der Eindruck, dass politisch Verantwortliche vieles, was damit in Zusammenhang steht, nicht im Fokus haben: Das sind

  • die Kinder und Jugendlichen
  • die Eltern, die teils Home office und Kinderbetreuung stemmen mussten
  • die Beschäftigten in Kitas und Schulen, die oft selbst betroffen waren von Kinderbetreuung und den Erfordernissen, mit den ihnen anvertrauten Kindern in Kontakt zu bleiben sowie der eigenen gesundheitlichen Unsicherheit.

Gewalt gegenüber Kindern (Studie TU München Juni 2020: Jedes 10. Kind hat in Quarantäne Gewalt erfahren) und Müttern sowie Armut wurde anfangs ausgeblendet: Neben der Kitabetreuung war auch die Bezirkssozialarbeit und Jugendarbeit so schlecht ausgestattet, dass es ihnen kaum gelang, mit ihren Klient*innen in Kontakt zu bleiben.

Wochen von Nichtbetreuung zementieren Bildungsungerechtigkeit: Kinder, die weniger zu Hause gefördert werden, holen das Versäumte nicht mehr auf. Es folgen Probleme über die ganze Bildungskarriere.

In der Kita traf Corona auf Beschäftigte, die sowieso am Rande der Belastungsfähigkeit arbeitet. Oft ist die digitale Ausstattung mit Hardware und WLAN nicht vorhanden. Es gibt keine erarbeiteten Standards, wie mit Familien online Kontakt gehalten werden kann.

Retraditionalisierung: die Frauenrolle, die alles managt, zementiert sich (Prof. Jutta Allmendinger), wir werden in der Gleichstellung um 30 Jahre zurückgeworfen.

Daher sind unsere Forderungen an die Politik, um bei einem weiteren Lockdown vorbereitet zu sein:

  • Kinder und Jugendliche müssen in den Fokus genommen werden!
  • Alle genannten Betroffenen brauchen in der Politik eine Lobby!
  • Pädagogik, Psychologie, Kinderverbänden etc. müssen in Krisenstäben vertreten sein!
  • Schnelle Kommunikation von Politikseite, wie die nächsten Wochen eines Lockdowns organisiert werden: Ein Fahrplan und Standards für die Reaktion auf eine sog. zweite Welle müssen entwickelt werden.
  • Kinder kommen trotz Lockdown regelmäßig mit Kindern zusammen (gemeinsame Quarantäne, Kleingruppen, Video,…). Ihren Bedürfnissen wird nachgekommen, das heißt auch dezidiert, dass es nicht an Sport und geisteswissenschaftlichen Fächern im Schulunterricht fehlen darf.
  • Jüngere Kinder werden bevorzugt betreut. Es wird alles unternommen, um die Kinder weiter zu betreuen, unter Umständen müssen andere Bevölkerungsgruppen zurück stecken.
  • Weiterbezahlung von Honorarkräften in Kitas und Schulen (siehe Vorkurs Deutsch und andere Förderungen)
  • Festlegung von Mindeststandards, wie bei Kita- und Schulschließungen weiter mit Kinder und Eltern Kontakt gehalten wird
  • Finanzierung Schutzausrüstung, regelmäßiges Testen für Personal an Kitas und Schulen
  • Schnellstmögliche digitale Ausstattung von Kitas und Schulen, WLAN, Regelung des Umgangs mit digitalen Mitteln, Standards und Qualifizierung. Stichwort Lernmittelfreiheit
  • Einbezug von Schülervertretungen
  • Regelungen von Arbeitgeberseite für Eltern, die Kinderbetreuung leisten müssen, Reduzierung der Arbeitszeit auch bei Männern!
  • Finanzielle Entlastung und Unterstützung von Eltern, wo immer es nötig ist

Über den Lockdown hinaus ist erforderlich:

  • Es braucht eine bessere Bezahlung des Kita-Personals
  • Es braucht bessere Bedingungen für die Arbeit in Kita und Schule: kleinere Gruppen, mehr Personal
  • Das Personal benötigt eine sehr gute Ausbildung und in der Pädagogik eine hohe Qualität
  • Ein Konjunkturpaket für Soziales wäre zu begrüßen: Z. B. Bildungsfond für zusätzliches Personal an Kitas und Schulen, mit finanzieller Unterstützung für Ausbildung und Bezahlung des Personals, Schaffung von Studiengängen, etc.

Der Merkur berichtete.

 

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